Berliner Schule

Um 1955 widmet sich Metzkes vielfigurigen Kompositionen, die mittels starker Farben detailreich in der Fläche geordnet werden können. Im Jahr 1956, inzwischen Meisterschüler an der Berliner Akademie der Künste, nimmt seine Suche nach dem Dramatischen eine andere Richtung. Es entstehen die von der Kritik geschmähten, farbig und kompositorisch strengen Bilder einer sozialen und künstlerischen Daseinsbestimmung im Nachkriegsberlin. Diese Werke lassen Metzkes und seine Freunde Ernst Schroeder und Manfred Böttcher zu Protagonisten einer Kunstauffassung werden. Ihre Fraktion konsolidiert sich bis zum Ende der fünfziger Jahre mit anderen jungen Künstlern als sogenannte „Berliner Schule“ der Malerei. Metzkes hebt hervor, daß er deren Ursprung „beim zweimal wöchentlichen Aktzeichnen in Pankow“ sehe: Durch Vermittlung von Heinz Worner trafen sich im Kreiskulturhaus „Erich Weinert“ beziehungsweise im Atelier von Heinrich Burkhardt bis nach 1960 mit wechselnder Kontinuität Lothar Böhme, Manfred Böttcher, Hans Brosch, Wilfried Fitzenreiter, Achim Freyer, Joachim John, Brigitte Handschick, Wolfgang Leber, Klaus Magnus, Harald Metzkes, Klaus Roenspieß, Roger D. Servais, Max Uhlig und Hans Vent. Es sind weitere Künstlerinnen und Künstler zu nennen, die nahezu zeitgleich oder wenig später mit je unterschiedlicher Intensität und Dauer sich deren Kunstauffassung näherten, sie teilten und teilen: Christa Böhme, Jürgen Böttcher, Rudi Ebeling, Dieter Goltzsche, Rolf Händler, Harald Hakenbeck, Dietrich Kaufmann, Konrad Knebel, Siegfried Korth, Siegfried Krepp, Rolf Lindemann, Ronald Paris, Robert Rehfeldt, Horst Sagert, Rolf Schubert, Hanfried Schulz, Helmut Symmangk, Werner Stötzer, Dieter Tucholke, Ruth Wolf-Rehfeldt, Horst Zickelbein und andere. Diese Künstler verbindet kein Manifest oder ein akademisches Programm, sondern eine ästhetische Haltung, mit der sie sich von anderen unterscheiden. Ihre  künstlerische Haltung bleibt dem Gegenständlichen verpflichtet, ohne eine vollständige Entfaltung des jeweils individuellen Stils einzuschränken. Sie als Künstlergruppe zu bezeichnen wäre im Vergleich zu anderen nicht angemessen, denn ein äußerer Zusammenhalt wurde nie vereinbart oder erklärt. Nicht jeder von ihnen blieb den ästhetischen Prämissen dieser Jahre verbunden.

 

Jahresbilder

Unverkäufliches Konvolut von Gemälden im Format 24 x 30 cm, das sich im Besitz der Familie Metzkes befindet.

Nach dem Studium kehrt Harald Metzkes in seine Heimatstadt Bautzen zurück. Er unterzieht einige der Bilder, die er in den Jahren zuvor im Dresdner Hochschulatelier vollendet hatte, einer kritischen Revision. Aus einer Leinwand von etwa 70 x 100 cm schneidet er ein Stück heraus, weil ihm das darauf dargestellte Detail gut gelungen scheint. Ein vorhandener Rahmen gibt das Format:
24 x 30 cm. Neben drei anderen Gemälden, die ebenfalls die Elbbrücken und Architektur im Umfeld der Brühlschen Terrasse zeigen, soll auch dieses kleine Bild, auf eine Pappe kaschiert, aufbewahrt werden. Wenig später wiederholt sich der Vorgang an einem Stilleben. Dieses Bild war vor dem Motiv gemalt worden und der dinglichen Realität begeistert gefolgt. Lakonisch spricht Metzkes heute von einer „Naturmalerei ohne Formenwunsch“. Komposition, Rhythmik und Strenge werden im Nachhinein durch die Wahl eines kleineren Bildausschnittes gewonnen.

Bis zum Ende der fünfziger Jahre vollendet Metzkes nur zwei Gemälde in den erwähnten Abmessungen. Er bewahrt sie mit den beiden früheren Ausschnitten auf. 1960 beginnt er, das Format von 24 x 30 cm gleichberechtigt zu anderen Standardmaßen zu verwenden. Nicht unerheblich dafür war die Tatsache, daß vorgefertigte Keilrahmen im „Künstlerbedarf“ in der Berliner Friedrichstraße angeboten wurden. Das kleine, ausgewogene Maß und die Dicke des Keilrahmens fügen sich in einen ebenso harmonischen wie kompakten Bildkörper. Fortan entstehen in jedem Jahr mehrere Arbeiten als „Auseinandersetzungen auf kleinem Format“; allein in den folgenden drei Jahrzehnten sind es fast 200 Gemälde. Die ihm wichtigsten wählt Metzkes aus. In den sechziger Jahren beeinflußt das Urteil von Manfred Böttcher oder die Begeisterung von Werner Stötzer als Zünglein an der Waage die eine oder andere Entscheidung. Die so entstehende Sammlung von Erlesenem bleibt folgerichtig unverkäuflich. Die Bilder werden nicht ausgestellt und auch im Atelier nur den engsten Freunden gezeigt. Die konzentrierte und behutsame Auswahl läßt ein „kleines Œuvre“ ganz für sich wachsen und gibt zugleich den Namen: Jahresbilder.

Die Stilistik der Jahresbilder repräsentiert das Gesamtwerk von Harald Metzkes weitgehend. Der Kenner vermißt sicher manches vertraute Motiv, aber diese Gruppe von Gemälden hat einen eigenen inneren Zusammenhalt, der verschiedenen Weisen der Selbstverständigung des Malers entspringt. Metzkes unterwindet sich dem kleinen Format, weil diesem ein Zwang zur Ordnung inne ist und weil es den Verzicht auf malerische Effekte gebietet, wie sie in größeren Bildern möglich sind. Aus dem privaten Bilderglück der frühen Jahre wird die Skizze eines Weges und die Vergewisserung eines Lebens. Metzkes sagt, die Jahresbilder seien ein „Tribut“ an ihn selbst und „eine Stilkurve durch die Zeit und durch die Psyche der Jahre“.

Zur Datierung:

Die meisten Jahresbilder können im (siehe) Journal identifiziert werden. Aber es gibt nicht wenige Ausnahmen: Da Metzkes diese Bilder für den Verkauf nicht in Betracht zieht und sie obendrein in einer besonderen Weise von den Arbeiten im Atelier auch räumlich trennt, wird nicht jedes im Journal vermerkt. Es besteht keine äußere Notwendigkeit, sie zu signieren. Einige bleiben in einem vorläufig beendeten, kritisch zu beurteilenden Zustand. Denn die Auswahl sucht keine Meisterschaft zu konservieren, sondern Bilder zu vereinen, die vor allem ästhetisches Material benennen.

So kommt es zu verschiedene Arten und Zeitpunkten für die Signaturen. Manche Signatur ist gemacht, noch ehe die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Änderung des Bildes erkannt wird. Mitunter nimmt Metzkes letzte Korrekturen vor und signiert in diesem Arbeitsschritt. Andere Bilder werden später ohne weitere Änderungen signiert, sozusagen in einer Handlung, die die Entscheidung ihrer Auswahl endgültig macht – und nicht selten wird die Datierung aus der Erinnerung gesetzt. Deshalb können notierte Entstehungsjahre und Signaturen voneinander abweichen. Mithin bedeutet dies, daß weder das Journal, noch die auf dem Werk ablesbare Datierung in jedem einzelnen Fall absolut zutreffend ist.

Dies darf als Parallele zu Fragen der Datierung des Gesamtwerkes verstanden werden. Dort kommt hinzu, daß eine beachtliche Zahl von Bildern später verändert und nicht selten völlig übermalt wurde.

 

Journal

Seit dem 20. September 1966 hält Metzkes von fast jedem vollendeten Bild die wichtigsten Daten fest. Er beginnt diese Aufzeichnungen in einem Schulheft; seit 1968 dienen ihm Kalender als Notizbücher. Er nennt unter dem Datum der Fertigstellung eines Bildes seinen Titel, die Maße und gegebenenfalls Hinweise zur Technik. Spätere Änderungen werden nicht immer vermerkt; dennoch entsteht ein umfangreiches Verzeichnis, das wir Journal nennen. Es gestattet Metzkes eine gewisse Übersicht, die er eingedenk der stetig wachsenden Zahl seiner Gemälde als auch durch zunehmende Verkäufe nicht verlieren möchte.