Das akademische Programm habe ich durchlaufen und habe immer damit zu tun, wenn das Auge mit dem Verstandesapparat unter Ausschluß der inneren Beteiligung arbeitet. Der ethische Wert der Malerei liegt in der dauernden Rekonstruktion des Bildes der Welt in all ihren Gegenständen. Die Verabsolutierung von Hinfälligkeit, Zerfall, Ekel deutet auf Schwäche des Autors. Die Malerei kann keinen Gegenstand absolut darstellen, zum Beispiel den Menschen. Sie hat aber die Überzeugungskraft dazu. Die Vereinbarung mit dem Betrachter wird immer neu getroffen. Alte Vereinbarungen, wie zum Beispiel der Mensch sei, bleiben nur zum Teil erhalten.
Der Betrachter folgt willig auch falschen Vereinbarungen. Mein Programm hat nur zwei Punkte. Natur und Auge. Die ethische Aufgabe: Ich erlebe, daß das Materielle mich beglückt und bedrängt, Menschen streicheln und rempeln. Der Konstruktion dieser Dinge zu einem gilt mein Bemühen, nicht ihrer Destruktion.

 

1975

 

 

Malkultur als “Verfeinerung der Bildhaut”, wie es einmal genannt wurde, ist ein zweitrangiger Begriff, ist langweilig. Malkultur als Verfeinerung des zeichnerisch-farbigen Ausdrucks ist das hohe Ziel. Verfeinerung bedeutet dabei deutlicheres Herausarbeiten der Formen, ihre logische Verknüpfung und schlackenfreies  Verschmelzen von Farbflecken und Linien. Das alles muß unter dem Diktat des Erlebnisses geschehen, der Begeisterung für den Glanz, der alle Gegenstände überhaucht, mit dem Mut, das Erreichte aufzugeben und zu zerstören damit etwas entsteht parallel zur Schönheit der Natur. Auch wenn man in tiefster Trauer malt, leuchten und glänzen die Gegenstände.

 

1975

 

 

Die Arbeit nach der Natur ist kein Hilfsmittel, sie dient der Objektivierung der Vorstellung. Man kann den Raum kaum besser begreifen lernen als beim Malen von ein paar Äpfeln, die Handbreiten auseinanderliegen. Das Auge, das zwischen Bild und Natur  hin und her blickt, wird sich immer tiefer der Rätselhaftigkeit der Erscheinungen bewußt, je länger es vom Bild zur Natur zurückkehrt. […] Das Auge ist zwar das wichtigste, aber nicht das einzige Organ, auf das man sich beim Malen verlassen sollte. Raum ist nicht Hintereinandersetzen, Plastizität ist nicht Rundmachen, Licht ist nicht Weißaufsetzen und Gegenstandsfarbe ist nicht der Farbkasten. An diesen Säulen muß immer gearbeitet werden, soll der Bau nicht eine Hütte werden. Wenn der Mensch nur Maler wäre, ohne Mensch zu sein, könnte er sich ewig mit diesem Problem beschäftigen. Doch dann würde wieder die Hauptsache fehlen.

 

1976

 

 

Der Mensch strebt seine seelische Stabilisierung an. Aber Erlebnisse und Erfahrungen heben das Gleichgewicht immer wieder auf. So geht es in der Malerei.
Ich will das Chaos auf der Leinwand nicht stehen lassen. Ich halte das für unehrenhaft. […] Das geht über kompositionelle Ordnung hinaus. Man hat nicht immer dasselbe zu sagen, aber man sollte es immer so klar sagen wie möglich, auch wenn es den erschrecken wird, der es zu sehen bekommt. Mit seinem Innern ist der Mensch letztlich allein, und er wird es bleiben. In dieses Zentrum der unbekannten Ängste und Freuden zielt die Kunst, und sie allein kann bis dorthin dringen.

 

1976

 

 

Ich halte meine Entwicklung nicht für abgeschlossen. Ich glaube, daß ich ungewohnte “Formmittel”, die andere Maler vorfertigen, nicht (dem Versatzstück im Theater vergleichbar) verwenden werde.
Ich kümmere mich um das Einfache. Damit ist es in der Kunst wie im Leben. Einfach zu leben heißt nicht zu leben wie es allgemein üblich ist.

 

1976

 

 

Die oft besprochene Gleichgültigkeit gegenüber dem Gegenstand eines Bildes betrifft nur einen Teil, nämlich den besonderen, seine Ausprägung als Apfel, Baum oder Herr M. Der andere Teil ist das Wesen, das uns gegenübersteht, das materielle Ding, dessen Entstehung, Beziehungen, Zweck, Wille usw. uns zwingt, im Bild seine Existenz heftig zu bestätigen. Der Weg dahin ist nüchtern. Fleck ist jeder Gegenstand oder Teil eines Gegenstandes, dessen Farbe ihn von der Umgebung oder dem Untergrund durch einen geschlossenen Umriß trennt. Auch dieser Fleck hat seinen Ausdruck wie der Anschlag auf dem Klavier, dessen Ausdruck auch auf das Ganze wirkt. Kraftvoll, heiter, fahrig, verzagt, schmierig, hölzern, suchend usw. Hier an diesem Punkt endet jede Spiegelfechterei, und wer sehen kann, der sieht.

 

1976

 

 

Der Maler verfolgt mit dem Auge, an der Pinselspitze vorbeisehend, das Entstehen von Farbflächen, Farbverläufen, Farblinien - von scheinbaren Gegenständen. Er arbeitet am Ausdruck des Klanges und verliert den Gegenstand aus den Augen. Dann arbeitet er wieder stärker am Gegenstand, und unter seiner Wirkung, einer Wirkung von mehreren Seiten, gelingt ihm allmählich dessen Verdeutlichung. Der Gegenstand in seiner optischen Ausprägung steht vor ihm, oder er steht klar in seiner kontrollierbaren Vorstellung. Mit all seinen Eigenschaften, Farbe, Form, Bedeutung usw. Diese Bilder stoßen aber auch die Türen in seinem Unterbewußtsein auf, und während des Arbeitens durchläuft er auch jene Speicher, die mit seinen ureigensten Erlebnissen gefüllt sind und die auch Farben, Formen und Bedeutungen geben. Das Bild enthält in seiner Entstehung Zuwendungen aus allen Zeiten, die der Maler erlebt hat und darüber hinaus aus allem, was er nacherlebt hat. Im Ordnen durch Farbe und Form, im Ordnen dieser unzähligen Anstöße besteht die Aufgabe, ein Bild zu malen.

 

1976/1977

 

 

Das Malen bedient sich der Erfahrungen des Auges aus dem Leben. Der Glanz eines Felles, das Funkeln eines Steines, das behauchte Blauviolett eines Rotkrautkopfes, die Rauhigkeit eines Kornfeldes, das Glitzern eines entfernten Gewässers, ein leuchtender Himmel, eine pralle Frucht und viele andere Eigenschaften von Dingen um uns herum, von denen unser Leben oder unser Wohlbefinden abhängen, sind Eigenschaften geworden, die den Schönheitsbegriff begleiten. Davon ist über Jahrhunderte viel in die Malerei eingegangen und ist Darstellungsmittel am entsprechenden Gegenstand oder Mittel der Malerei und einer ihrer schönsten Aspekte geworden. Was man auch immer in den letzten fünfzig Jahren dagegen gesagt haben mag: Wenn ein Mensch den Wunsch hat, ein Bild zu berühren, dann deshalb. Auch hier gilt, daß mit jedem Pinselstrich vielerlei getan werden muß. Ein Temperament offenbart sich in seiner Teilnahme am Dargestellten, und es zügelt sich in der Formulierung und erreicht nur mit Farbe jene wohltuenden Eigenschaften, die beim Betrachter die tiefe Freude an der Schönheit der Malerei erzeugen. Wie ein schöner Teppich überdeckt die große Malerei den Boden - sagen wir ruhig - der Wirklichkeit, obwohl sie sie eigentlich ganz will.

 

1981

 

 

Der Maler hat allen anderen eine Vertrautheit mit seinem Bild voraus. Aber auch für ihn ist ein fertiges Bild eine Überraschung. Die Herstellung des Bildes entzieht sich der Kontrolle durch das Denken in Worten, und die Bildform fügt sich immer durch Abstriche am gedanklich Vorausberechneten; aber es kommt letzten Endes ganz aus ihm. Man bedenke, daß der Mensch in einem Kontinuum von Empfindungen und Gedanken lebt, mache sich klar, daß sein Begriff von der Welt in dem Gefäß Platz haben muß, welches er beim Selbstbildnismalen im Spiegel sieht.
In den Hirnzellen lagert eine Unendlichkeit von mobilem Material in objektiver Unschuld. Es setzt sich leicht in Bewegung und verwandelt sich oft zu vorhandenen Begriffen, die das Ausgangsmaterial nicht wert sind. Das Fügen der Bildrichtigkeit ist auf denselben Ausgangspunkt, auf dasselbe Material angewiesen und unterliegt den gleichen Gefahren. Das rücksichtslose Verfolgen des Bildgedankens hält Malerei und Idee als eins zusammen.

 

1981

 

 

Im Bild ist der Gegenstand aus seinem weltlichen Zusammenhang herausgelöst, das nützt dem Betrachter wenig. Die Form macht das Materielle zu Geist. Wir würden uns kleiner machen als nötig, stellten wir den Stoff  über die Form, denn in ihr kommen wir zu einem menschenmöglichen Absolutum.

 

1984

 

 

[…] Realismus ist keine Methode, zu ihm wird man geboren. Zeichnen nach der Natur ist eine Methode. Den Gegenstand optisch annähernd darzustellen, ist ein Mittel, ihn zu benennen. Der Realismus fordert
aber, den Gegenstand zu begreifen, zu begreifen mit den Augen und das ohne Ende. Wenn dieser Vorgang sein vorläufiges Ende findet, im Bild, steht dort kein Begriff, sondern die Form. Sie ist nichts Vorgefaßtes, kein Baustein, sie ist der Gegenstand selbst - als Malerei.

 

1984

 

 

Man schwärmt nicht zurück, wenn man sich der Bibel zuwendet. Ist das Vertrauen Samsons verloren und die Hinterlist der Delila gebessert? Gibt es Samsons Niederlage nicht mehr, seine Blendung, seine Ausbeutung und endlich die Vernichtung seiner Gegner durch ihn?

 

1984

 

 

In den Anfängen, wenn alles noch so nah ist, wenn man sich noch mit jedem gleichgesinnt fühlt, der auch die Malerei liebt und sich darin übt, ist man einem anregenden Getriebe der Empfindungen und der Begeisterung teilhaftig mit irgendwelchen anderen. Dort ist das Malen, das Material, das der Natur Gegenüberstehen der Grund des Hochgefühls.
Bei den großen Männern und Frauen der Malerei steht nur das Bild vor uns. Die schöne Betriebsamkeit der ersten Jahre kann man da nicht erleben. Das große Werk schweigt. Es mag sein, der Anfänger entdeckt Atelierregeln und Kniffe. Er ist wie das Wildschwein unter der Eiche, das, den Rüssel auf der Erde, Eicheln frißt. Wie schwer, den Blick zu erheben, wie schwer, sich diesen Appetit immer mehr abzugewöhnen.

 

1988

 

 

Eine Vorstellung vom Objekt bekommt man durch Arbeit am Gegenstand. Das ist auch der lange Weg, selbst ein Subjekt zu werden. Die eigene Vorstellung ist gemeint, nicht diejenige, die man als Objekt anderer aufgeprägt bekommt.

 

1992

 

 

Ich kann von der Vorstellung nicht lassen, daß die ganze Welt nicht nur aus Details zusammengesetzt ist. […] Ich bin als Maler der Beobachter eines Welttheaters, in dem die Welt sich aber abspielt, nicht dahinter. Es wäre sehr schön, das Leben darzustellen, wie es ist, aber ich spüre, daß man da nicht aufhören kann, es muß ja auch etwas gelöst werden.

 

1994

 

 

Das Unsagbare sagt man, wenn man es doch sagen will, andeutungsweise. Andeutungsweise ist undeutliche oder ausdeutbare Weise. Beide wohnen eng beieinander. In ersterer ist dem Neugieriggewordenen gar nichts, in der zweiten die Wahl von unendlich vielen Möglichkeiten gegeben. Der in tiefer, fröhlicher Resignation Eingerichtete faßt das ausgedrückte Unsagbare klar und seine Ahnung bestätigend verschwommen auf und beweist so, daß man das Unsagbare zwar nicht sagen, aber sehr wohl wissen kann.
 

1994

 

 

Wenn ich male, denke ich nicht an den Betrachter. Ich bin mir einiger Leute sicher, die dem folgen werden, und das genügt mir. Einen Bildungshintergrund brauche ich beim anderen nicht vorauszusetzen, das will ich auch gar nicht. Er soll das Bild sehen wie es ist, und er muß dann seine eigenen Wege gehen und seine eigenen Assoziationen finden. Ich will eigentlich nur eine Figur malen, einen großen Kopf. Und zu meiner eigenen Verwunderung ist das Literarische oft der Anfang, eine Figur zu finden.

 

1994

 

 

Die Vergangenheit wird in der Gegenwart hergestellt. Sicher bedingt das Vergangene, was heute ist, aber suchen wir Gründe im Vergangenen, warum heute etwas so ist und nicht anders, bauen wir ein Modell.

 

1995

 

 

Mit dem Malen, so nahe vor der eigenen Nase es passiert, bringt man die Dinge in Abstand zu sich selbst, zu dem, was man sich zu sehen angewöhnt hat. Aus diesem Grund bringt man damit die anderen auch noch gleich von sich weg. Ich wage den Satz: Ein gemeinschaftliches Innenbild beendet die Autonomie der Außenwelt.
 

1996

 

 

Ich weiß mich mit einigen (wenigen) Malern darin einig, daß die Farbe, so wie sie aus der Tube kommt, großer Veränderungen bedarf. Sie muß sublimiert werden auf dem Weg zum Bild, zum Gegenstand, zum Bildgegenstand. Sie muß durch das Purgatorium ihrer Entmaterialisierung. Und wenn sie dann auf der Leinwand ist, muß sie doch davon zeugen, daß sie eine höchste Materie ist, daß ein Schwarz glänzt wie ein Stück Steinkohle, ein Weiß wie eine Eierschale, ein Blau - ich wage es nicht zu sagen.

 

1999

 

 

Beim Selbstbildnis malen folgt man zögernd den Irrwegen, die die Naturbeobachtung weist. Der Pinselstrich und der Schatten scheinen unvereinbar, der Farbklecks und die Rundung streiten. Eines will nicht Farbe werden, das andere will nicht Farbe bleiben und man hat auch noch eine Vorstellung von sich, die man vergessen muß. Vielleicht auf dem Irrweg? Deshalb das Erstaunen am Ziel.

 

1999

 

 

Die Abhängigkeiten, oder das Herkommen eines Malers, dessen Bilder der Betrachter schildert, sind selbstverständlich und auch vor allem Abhängigkeiten im Bildgedächtnis des Betrachters, dem es oft nicht gelingt, den neuen Blick von der schönen Hergebrachtheit der Kunstgeschichte zu trennen.
Er verehrt oder kennt die gleichen „Bildungsahnen“, allerdings wundert er sich über ein namenloses, neues Etwas. Das soll nicht heißen, da käme einer aus dem Nichts und sei unbeschreiblich neu. Das nicht! Aber mit der Unbeschreiblichkeit hat es doch was auf sich.

 

2006

 

 

Nicht, daß ich irgendetwas für bindend erklären will, aber beim Betrachten handelt es sich doch sicher und ohne Widerrede darum, daß der Betrachtende sowohl „trächtig“ ist als auch herantragen muß. Das Betrachtete muß nur der Mühe wert sein. Die Biene trägt ihre „Fracht“ ja auch nicht irgendwo hin, sondern in ein wohlgestaltetes, sogar mit einem Gutteil Geometrie, Maß und soziologischem Vereinbartsein ausgestattetes. Die Voraussetzungen zum Betrachten sind also groß. Aber das Betrachten ist nur dem möglich, der etwas mit sich trägt, dort möglich, wo etwas ist. Pollen zu Honigseim.

 

2009

 

 

Man hat mittlerweile einen Abstand zu sich geschaffen, oder eine Entrückung des eigenen Adam vom Ich hat sich vollzogen – ein Objekt der Betrachtung mehr unter anderen. So kann man auf niemanden hören und ist doch Geschöpf dessen, was uns seit tausend Jahren umgibt.

 

2009

 

 

Das Malen nach der Natur ist für das Verständnis der Malerei das Beste. Es hilft auch dem Betrachter die dumme Behauptung zu vergessen, jeder könne malen.

 

2010

 

 

Man muß in der Kunst nicht jetzt erfinden, was einige tausend Jahre zu erfinden nicht nötig war, zumal heute jeden Monat etwas erfunden wird.

 

2010